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KI und Automatisierung als Werkzeuge, nicht als Wundermittel

Bedeutet schneller immer auch besser? Hilft KI, Barrieren abzubauen oder entstehen sogar neue? Das haben wir bei unserem Fachtag „KI und Automatisierung – mehr Zugang, weniger Aufwand?“ am 1.4.2026 betrachtet.

Fachtag zu KI und Automatisierung in der barrierefreien Information und Kommunikation

Rebecca Schulz und Willfried Laudehr aus unserem Fachbereich Information und Kommunikation begrüßten rund 30 Teilnehmende vor Ort im Haus für Barrierefreiheit und rund 50 Teilnehmende online. Rebecca Schulz übernahm auch die Moderation der Veranstaltung. 

Helfen Overlay Tools bei der Barrierefreiheit?

Das Programm des Fachtags bestand aus Beiträgen in ganz unterschiedlichen Formaten. Den Anfang machte Detlev Fischer von der DIAS GmbH mit einem Vortrag. Zunächst erläuterte Detlev Fischer, was digitale Barrierefreiheit eigentlich ausmacht und was ein Overlay-Tool ist – nämlich ein externes Programm, das Anbieter auf ihren Webseiten einbinden. Dieses soll es ermöglichen, beispielsweise Schriftgrößen oder Kontraste nach eigenem Bedarf anzupassen. Der Einsatz der Tools ist nicht unproblematisch. Hauptproblem: Nutzende haben spezifische Bedarfe, die während ihrer Internetnutzung nicht permanent erfüllt werden. Stattdessen müssen sie sich auf jeder Seite neu mit den dort vorhandenen Overlay-Tools auseinandersetzen, die keinem einheitlichen Bedienungs- und Funktionskonzept folgen. 

Wie kompliziert die Nutzung einer Website mithilfe von Overlays sein kann, zeigte Detlev Fischer an einem konkreten Beispiel auf – er demonstrierte, dass diverse Menüpunkte bei Tastaturnutzung (statt Mausbedienung) trotz des Versprechens einer verbesserten Tastaturnutzung durch das Overlay nicht erreichbar waren. Sein Fazit: Overlays suggerieren Sicherheit, machen Websites nicht BITV-konform und sind für Nutzende keine gute Lösung zur barrierefreien Nutzung. Eine gute Alternative wären permanente, individuelle Anpassungen im genutzten Browser. Noch besser sei es, wenn Anbieter die eigene Website grundsätzlich barrierefrei gestalten und die Barrierefreiheit testen lassen. Nur so könne eine möglichst barrierefreie Nutzbarkeit sichergestellt werden.

Markus Erle steht im Profil mit einem Mikro in der Hand vor seiner Präsentation, die an die Wand projiziert wird.

Lerne deinen neuen Co-Worker kennen: KI für effizientere Dokument-Barrierefreiheit im PAC 2026

Als nächstes folgte der Vortrag von Markus Erle von der axes4 GmbH, der sich darum drehte, wie man PDF-Dateien barrierefrei macht. Markus Erle erklärte zunächst, warum es nicht so einfach ist, PDFs barrierefrei zu gestalten, sodass sie beispielsweise sinnvoll von Screenreader-Programmen verarbeitet und vorgelesen werden können. Die Informationen zur Struktur des Dokuments müssen maschinenlesbar im Hintergrund des Dokuments hinterlegt werden. Das, was die Nutzenden sehen und die Struktur im Hintergrund müssen sich entsprechen – diese Bedingung ist in diversen Regelwerken festgelegt. Um diese Bedingung zu überprüfen, kann das Tool PAC (PDF Accessibility Checker) genutzt werden. Es ist ein gefördertes, und deshalb kostenlos nutzbares Hilfsmittel, das zunächst die „unsichtbare Strukturebene“ sichtbar macht und die Barrierefreiheit prüfbar macht. Als letzter Schritt müsse aber immer eine semantische Überprüfung durch Menschen erfolgen. KI könne den Menschen hierbei unterstützen, Fehler schneller und gründlicher zu finden. Diese Überprüfungsoption ist im PAC-Tool bereits angelegt: Wer also mit PAC prüft, sollte immer auch die KI-Vorschau nutzen. Damit kann das Urteil über die Barrierefreiheit der überprüften PDF deutlich genauer werden.

Interview zum Thema Gebärdensprach-Avatare

Nach den zwei Vorträgen gab es einen Formatwechsel: Rebecca Schulz (RS) interviewte Katja Fischer (KF) von FISCH Signs, die online zugeschaltet war. Das Gespräch wurde von Gebärdensachdolmetscher*innen, die ebenfalls online teilnahmen, simultan gedolmetscht. Im Folgenden ist das Gespräch in einer zusammengefassten, verkürzten Form dargestellt:

RS: Wie ist die Marktlage zu in DGS übersetzten Videos? 

KF: In der BITV ist festgelegt, dass übersetzte Videos von geprüften DGS-Muttersprachlern (DGS= Deutsche Gebärdensprache) produziert werden. Nun sind Avatare neu dazugekommen. Oft wird der Einsatz von Avataren damit begründet, dass ein Mangel an Dolmetschenden bestünde. Das trifft aber lediglich auf den Bereich Simultandolmetschen zu. Im Bereich der Übersetzung, also der geplanten Übertragung von lautsprachlichen Texten in Schriftform in DGS, haben wir aber eigentlich keinen Mangel. 

RS: Werden Avatare tatsächlich mithilfe von KI erzeugt?

KF: Nein, es gibt weltweit keine automatische Generierung von Avataren durch KI. Es gibt zu Gebärdensprache keine ausreichenden Sprachdatenmengen, die Grundlage dafür sein könnten. Die Sprachdaten für ein neues Video müssen immer erst durch gebärdende Menschen erstellt werden, bevor sie übertragen und dann zu einem Avatar animiert werden.

RS: Haben Sie eine Idee, warum trotzdem mit KI geworben wird, obwohl es gar nicht in dem Sinne genutzt wird?

KF: Ich denke, es ist eine Verkaufsstrategie, weil die Kunden denken, es sei mit KI günstiger und schneller. Das stimmt aktuell allerdings nicht.

RS: Was ist die Meinung der Gehörlosen-Communitiy und was ist die Hauptkritik?

KF: Avatarvideos weisen häufig Lücken auf. Die Mimik ist sehr wichtig für das Verständnis. Wenn die fehlt oder zu reduziert ist, ist die Übersetzung nicht zu verstehen und wirkt auf die Community zu künstlich. Inhalte werden reduziert und sind dadurch nicht gut verständlich. Hauptkritik ist, dass die Community nicht bei der Entwicklung der Avatare einbezogen wird.

RS: Wie reagieren die Entwickelnden auf die Kritik aus der Community?

KS: Grundsätzlich ist zu sagen, dass es keine Zusammenarbeit gibt. Die Qualität der Übersetzung ist beim Einsatz von Avataren aus meiner Sicht einfach minderwertig, weil Varietäten nicht übertragen werden können.

RS: Merken Sie, dass Aufträge für die Erstellung von Videos durch Menschen zurückgehen?

KF: Übersetzung ist ein langer Weg mit mehreren Schleifen zur Qualitätssicherung. Wir denken, viele Kunden wollen weiterhin qualitativ hochwertige Videos und wir sehen aktuell keinen Rückgang der Aufträge.

RS: Worauf sollten diejenigen achten, die DGS-Videos zur Verfügung stellen wollen oder müssen?

KF: Sie sollten die Handreichungen zur Erstellung gemäß BITV lesen und diesen folgen. Außerdem sollten sie wirklich staatlich geprüfte Übersetzer nutzen.

RS: Wie schätzen Sie die Entwicklung im Bereich KI und DGS zukünftig ein? Und was muss sich tun, damit die Gehörlosen-Community sich ernst genommen fühlt?

KF: Gebärdensprachavatare für kurze Informationen an öffentlichen Orten (Flughäfen, Bahnhöfe, Einkaufszentren) für kurze Sätze und Fragen, das halte ich für durchaus zukunftsfähig. Eine Einbeziehung der Community auf Entscheiderebene in Entwicklungs- und Übersetzungsprozessen ist zwingend notwendig, damit die Bedarfe der Nutzenden wirklich erfüllt werden können.

Nach dem Interview leitete Rebecca Schulz in die Pause über. Diese nutzten viele Teilnehmende vor Ort, um sich über die Themen des Fachtags auszutauschen und sich zu vernetzen.

Leichte Sprache und KI – verständlichere Texte auf Knopfdruck?

Nach der Pause startete Rebecca Schulz mit einem Vortrag zu Leichter Sprache und KI. Sie stellte dar, dass KI bei der Übersetzung in Leichte Sprache in zwei Formen genutzt wird. Zum einen als Hilfsmittel im Übersetzungsprozess von qualifizierten Übersetzer*innen. Dies bewertet Rebecca Schulz als unproblematisch, da die Qualität des resultierenden Textes durch die Kompetenz der Übersetzenden sichergestellt ist. Zum anderen gibt es den Fall, in dem Unternehmen oder Behörden KI-Tools kaufen und diese alleinig zur Übersetzung der Texte nutzen, ohne dass qualifizierte menschliche Übersetzer*innen involviert sind. Dies sei kritisch zu betrachten.  

Rebecca erklärte, wie ein Mensch Texte in Leichte Sprache übersetzt. Zunächst muss eine Analyse gemacht werden, bevor es überhaupt in die Übersetzung geht. Dabei spielen Textsorte, Informationsstrukturen und Textstruktur eine wichtige Rolle, genauso wie mögliche inhaltliche Fehler, die korrigiert werden müssen. Das kann eine KI nicht. Dann folgt eine Analyse der Zielgruppe. Auch diese kann die KI nicht vornehmen. Dann erst folgt die Übersetzung durch Anwendung der Regeln für Leichte Sprache.

Was fällt im Gegensatz dazu bei ausschließlich mit KI generierten Texten auf? Regeln werden nicht korrekt umgesetzt, es gibt zum Teil fehlerhafte Inhalte, die Textstruktur wird nicht angepasst, Erklärungen für schwere Begriffe fehlen und so weiter. Oft ist ein zusammenhängendes Lesen und dann ein Verstehen des KI-übersetzten Textes am Ende gar nicht möglich.

Rebeccas Fazit: KI-generierte Texte in LS müssen überarbeitet werden. Bei dieser Überarbeitung muss sichergestellt sein, dass diese von Menschen durchgeführt wird, die Kompetenzen in der Anwendung von Leichter Sprache haben. Ganz wichtig: Die Zielgruppe braucht qualitativ hochwertige, funktionale Texte. Grundsätzlich ist in Frage zu stellen, ob Unternehmen wirklich einen Mehrwert haben bzw. Geld und Zeit sparen, wenn sie KI-Tools nutzen, und dann trotzdem einen Menschen für die Überarbeitung beauftragen müssen.

Lilja Häfele-Stephan und Hela Michalski stehen an einem Rednerpult und sind im Gespräch.

Audiodeskription und KI – Chancen und Grenzen aus Sicht eines blinden Publikums

Der folgende Beitrag war ein Gespräch zwischen Lilja Häfele-Stephan, die Postproducer, Producer f. Barrierefreiheit & Medienübersetzung ist, und Hela Michalski, die seit fast 30 Jahren als Hörfilmautorin tätig ist.

In ihrem Gespräch stellten die beiden dar, was die Grundlage für Audiodeskription ist: Menschen haben ein Recht auf Teilhabe an Gesellschaft, Kultur und Informationen. Blinden und Sehbehindertenmenschen wird dies unter anderem durch Audiodeskription möglich.

Audiodeskription ist alles, was visuell ist und hörbar gemacht wird, zum Beispiel Bilder, Texte, Kunst, Museumsausstellungen und Beschreibungen von Räumen. Hela Michalski erklärte, dass KI dabei für blinde Menschen sehr wichtig ist, da sie ihnen viele Möglichkeiten der Teilhabe eröffnet. Zum Beispiel KI-Brillen, die beschreiben, was vor der tragenden Person zu sehen ist. Oder auch Beschreibungsapps, womit Fotos gemacht werden, die dann beschrieben werden. Ihre Erfahrung ist, dass man kann durch KI-generierte Beschreibungen und Technikunterstützung viel leichter und ohne Störung anderer teilhaben kann, beispielsweise an Theateraufführungen.

Für Hela Michalski ist es darüber hinaus sehr wichtig, dass Hör-Texte nicht nur inhaltlich verlässlich, sondern auch ansprechend und schön gestaltet sind. Genau hier (und auch in anderen Bereichen) stößt KI-generierte Audiodeskription an Grenzen. Dies demonstrierten Lilja Häfele-Stephan und Hela Michalski anhand eines Beispiels. Sie spielten einen kleinen Ausschnitt einer KI-generierten Audiodeskription für einen Spielfilm vor. Diese war sprachlich eher gestelzt, enthielt viele unnötige Wiederholungen und gab kaum die Atmosphäre und Stimmung der beschriebenen Filmszene wieder. Gerade bei Kulturerlebnissen ist aber eine dem zu vermittelnden Medium angemessene, nuancierte Sprache wichtig. Dieses Sprachgefühl bringen reine KI-Übersetzungen nicht mit. 

Eine Kombination aus KI-generierter und von Menschen erstellter Audiodeskription birgt Chancen. Es ist nicht sinnvoll, eine komplexe Audiodeskription ohne blinde Beteiligung zu erstellen. Nur blinde Menschen können auswählen, was wichtig ist und was sie hören wollen. 

Zusammenfassung und Ergebnissicherung

Zum Abschluss des Fachtages fassten Rebecca Schulz und Wilfried Laudehr die Ergebnisse zusammen und ordneten diese ein:

  • Automatisierte Lösungen müssen verlässliche und transparente Ergebnisse liefern.
  • Zusätzliche Bedienungsanforderungen müssen klaren, vorhersehbaren Mehrwert liefern.
  • Insellösungen sind zu vermeiden, da Hilfstechnologien systemweit benötigt werden.
  • Der individuelle Hilfsmitteleinsatz der Nutzenden darf nicht gestört werden.
  • Kosten und Aufwand sollten ehrlich verglichen werden: Wird tatsächlich die geforderte Qualität geliefert? Werden Prozesse durch KI wirklich schlanker?

Zu beachten ist: KI-Ergebnisse sind bisher nicht normkonform und entstehen oft ohne reale Kenntnis der Zielgruppe. 

Automatisierung ist dort zu empfehlen, wo durch sie generierte Ergebnisse realen Mehrwert liefern und verlässlich Nachprüfungen standhalten. Die Bedarfe der Zielgruppe sind dabei zwingend zu berücksichtigen. Befragungen dazu dürfen nicht tendenziös angelegt sein oder nur anekdotisch erfolgen.

KI ist ein unterstützendes Werkzeug, kein Ersatz für menschliche Expertise. Deshalb ist die Ergebniskontrolle durch Menschen notwendig und qualitätsentscheidend. KI und andere Automatisierungen werden uns begleiten. Ihr Einsatz birgt Chancen, bedarf jedoch Kontrolle sowie Kenntnis und Respekt vor den realen Bedarfen der Zielgruppe. 

Bericht: Anna Dobert

 

Unterlagen zum Download

Unter folgendem Link finden Sie die Präsentationen unserer Referent*innen sowie zur Kenntnis eine Stellungnahme zum Einsatz von Gebärdensprach-Avataren in Deutschland als zip-Datei zum Download.

Unterlagen Fachtag

Kontakt / Information und Kommunikation:

Wilfried Laudehr
040 8 55 99 20-26
w.laudehr@kompetent-barrierefrei.de

Wilfried Laudehr, Information und Kommunikation, Kompetenzzentrum für ein barrierefreies Hamburg

Kontakt / Information und Kommunikation:

Rebecca Schulz M.A.
040 855 99 20-34
r.schulz@kompetent-barrierefrei.de

Rebecca Schulz