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Interview mit unserer Praktikantin: Was Rollstuhl, Langstock und Rollator mit guter Stadtplanung zu tun haben

Sandra Sievert hat dieses Frühjahr im Rahmen ihres Studiums an der Hafencity Universität Hamburg ein sechswöchiges Praktikum bei uns absolviert. Anna Dobert hat mit ihr über ihre Erlebnisse und Eindrücke gesprochen.

Liebe Sandra, wie bist du aufs Kompetenzzentrum (kurz: Koba) aufmerksam geworden? 

2024 haben wir uns in dem Studienprojekt "Graue Generation, Bunte Ideen" mit altersfreundlichen Begegnungsorten für ältere Menschen beschäftigt. Wir besuchten einen "BarriereFreitag" bei Cornelia Zolghadri (Link), um uns über Barrierefreiheit zu informieren. Dort simulierten wir verschiedene Beeinträchtigungen wie eingeschränktes Sehvermögen, Blindheit, Taubheit. Außerdem durften wir Alltagssituationen im Rollstuhl nachempfinden. 

Über den Newsletter des Kompetenzzentrums habe ich dann von den Fachtagen (jährlich stattfindende Fachtage der Beratungsbereiche Quartiersentwicklung sowie Information und Kommunikation, Anm. der Red.) erfahren und teilgenommen. Die Vorträge haben mir gezeigt, wie vielfältig Barrierefreiheit ist und wieviel Bedarf noch immer besteht.

Und was hat dich bewogen, dich als Praktikantin zu bewerben?

Mir ist das Thema Barrierefreiheit wichtig, denn für viele Menschen kann es den Alltag enorm verbessern. In meinem Studium gibt es leider keine Veranstaltung, die sich damit explizit beschäftigt. Aber gerade Stadtplaner*innen (wie auch Architekt*innen und Bauingenieur*innen) schaffen die Basis für Barrierefreiheit, wenn diese von Anfang an mitgedacht und integriert wird. Ich wollte mein Pflichtpraktikum nutzen, um Barrierefreiheit besser zu verstehen, typische Probleme und gute Lösungen kennen zu lernen. So kann ich hoffentlich in zukünftigen Projekten die Barrierefreiheit als selbstverständlichen Aspekt integrieren. 

Was waren deine Aufgaben während des Praktikums?

Die Schwerpunkte lagen in den Bereichen Quartiersplanung sowie Verkehrs- und Freiraumplanung. Ich durfte bei der Erstellung von Stellungnahmen für die planenden Behörden mitwirken, z.B. bei Veränderungen der Verkehrswege oder Neuplanung eines barrierefreien Spielplatzes. In der Planung eines neuen Quartiers ging es um die Platzierung und Anforderungen an eine Rampe im öffentlichen Raum. Und bei der Sanierung eines bekannten Hamburger Denkmals wurde die Art und Lage des Blindenleitsystems mit den planenden Akteur*innen besprochen. Dazu habe ich mich jeweils mit den entsprechenden rechtlichen Anforderungen und DIN-Normen befasst.

Teilnehmen durfte ich an Meetings, die dem regelmäßigen Austausch von Informationen dienen. Zum Beispiel mit dem Arbeitskreis Umwelt und Verkehr des BSVH (Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e.V.) und anderen Akteur*innen aus Hamburger Behörden und Verkehrsbetrieben. 

Besonders spannend waren Begehungen auf einem inklusiven Spielplatz oder einer Einkaufsstraße und die Rundgänge “Hamburg von außen” (Link) auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Dabei konnten die Teilnehmenden jeweils Rollstuhl, Langstock oder Rollator benutzen oder mit einer speziellen Brille einen Sehrest von 10% simulieren. Das Ausprobieren und der Austausch über die Erfahrungen haben mein Verständnis für die Tücken des Alltags von Menschen mit Behinderungen sehr geschärft.

Was hat dir in der Zeit im Koba besonders gut gefallen?

Das Team des KoBa hat mich sehr herzlich und offen empfangen und in aktuelle Aufgaben eingebunden. Jede*r hat sich Zeit genommen, mir Fragen zu beantworten, Zusammenhänge und rechtliche Anforderungen zu erklären. 

Ich mag Abwechslung und lerne gerne Neues. Die Bandbreite der Themen, Orte und Menschen hat mir sehr gefallen und gezeigt, wie vielfältig Barrierefreiheit ist. Sehr beeindruckt haben mich auch die technischen Möglichkeiten und die Ausstattung, mit denen der Fachtag für Kommunikation und Information hybrid und barrierefrei durchgeführt wurde. 

Was hat dich überrascht?

Besonders überrascht hat mich, dass ungefähr 97% aller Behinderungen im Laufe des Lebens durch Unfall, Krankheit oder Altern entstehen. Das bedeutet, es kann jede*n von uns jederzeit betreffen – selbst oder im persönlichen Umfeld. 

Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, wie wichtig barrierefreie Spielplätze auch für die betreuenden Eltern, Großeltern, etc sind. Ich finde die Vorstellung schrecklich, dass Betreuende mit Behinderung ihre Kinder nicht auf Spielplätze begleiten können, weil befestigte Wege, Markierungen oder barrierefreie Zugänge zu den Spielgeräten fehlen.

Was nimmst du mit in dein Studium oder auch einfach für dich?

Es gibt jede Menge gesetzliche Grundlagen (UN-Behindertenrechtskonvention - UN-BRK, Behindertengleichstellungsgesetz – BGG, Hamburgische Behindertengleichstellungsgesetz – HmbBGG) und trotzdem erscheint mir die Umsetzung mehr als schwerfällig. Es bleibt also viel zu tun… 

Würdest du anderen ein Praktikum beim Koba empfehlen?

Ja, absolut. Ich habe einen sehr breiten Einblick bekommen, wie Barrierefreiheit umgesetzt werden kann. Es gab die Möglichkeit, während des Praktikums an einem kleinen, selbstgewählten Projektthema zu arbeiten – aber ich bin so inspiriert, dass ich meine Bachelorarbeit zum Thema Barrierefreiheit im öffentlichen Raum schreiben möchte.

Kannst du noch ein bisschen mehr über dich selbst und deine Motivation, dich mit Barrierefreiheit zu beschäftigen, erzählen?

Ich bin in Hamburg geboren und aufgewachsen, habe eine Ausbildung als Schauwerbegestalterin gemacht und z.B. nebenbei Geld verdient, indem ich einem blinden Studenten seine Vorlesungsnotizen, Texte und Literatur auf Band gesprochen habe.

Fast 25 Jahre habe ich im Einzelhandel im Bereich Warenpräsentation, Gestaltung und Umbau der Verkaufsräume gearbeitet, an verschiedenen Standorten in Deutschland und in unterschiedlichen Funktionen. 2023 bin ich zurück in meine Heimat Hamburg gekommen und studiere seitdem in Vollzeit Stadtplanung an der HafenCity Universität (HCU). Durch das Studium lerne ich Hamburg nochmal neu und intensiv kennen.

In meinem Leben wurde ich zweimal unverschuldet in schwere Unfälle verwickelt und habe diese zum Glück ohne bleibende Schäden überstanden. Wahrscheinlich ist mir deshalb bewusst, dass jede*r unvermittelt in die Situation kommen kann, auf Barrierefreiheit angewiesen zu sein. 

Liebe Sandra, ich danke dir für das Gespräch und wünsche dir im Namen des Kobateams viel Erfolg im weiteren Studium! Bei Nachfragen zur Barrierefreiheit stehen wir dir natürlich jederzeit gern zur Seite!

Das Gespräch führte Anna Dobert, Referentin Öffentlichkeitsarbeit.